Jochen Malmsheimer begeisterte Beverunger Publikum

Wortgewaltige Alltagsbeobachtungen

Von Peter Vössing
Beverungen – Wer sich auf einen Kabarettabend mit Jochen Malmsheimer einlässt, muss sich der Herausforderung stellen, mit hoher Konzentration den Wortschöpfungen des Meisters zu folgen. Ungefähr 450 Beverunger Zuschauer ließen sich auf das „Wagnis“ ein.

Bild anzeigen

Jochen Malmsheimer liest aus seinem "Reisetagebuch".

© Foto: Vössing

Nicht umsonst zählt der gebürtige Essener zur Elite der deutschen Kabarettistenriege. Er verfügt über einen schier unendlichen Wortschatz und hat die Fähigkeit, sogar Banalitäten im Stile einer wissenschaftlichen Abhandlung zu formulieren.
Malmsheimer braucht bei seinem Programm keinen großen Schnickschnack auf der Bühne. Ihm reichen ein Tisch, auf dem er sein Skript ablegt und ein Mikrofon. Des Weiteren ab und zu etwas Atmosphäre aus dem Lautsprecher und hin und wieder ein paar Lichter aus den Strahlern, um die Stimmung zu betonen.
Das ist auch gut so, denn unnötige optische und akustische Ablenkungen erschweren die Konzentrationsfähigkeit. Das Programm ist eine Lesung und dabei scheint sich die Lesegeschwindigkeit während des Vortrags um ein Vielfaches zu erhöhen. Jede Ablenkung ist fatal und kann dazu führen, den Faden erst wieder umständlich neu aufzunehmen.
Kurzum Jochen Malmsheimer bietet seinem Publikum viel, verlangt ihm aber auch einiges ab. Die Anforderungen, die er an sich stellt, verlangt er auch von seinen Zuhörern.
Malmsheimer verbat sich mit einem Augenzwinkern sämtliche Störungen, wie beispielsweise Beifall. „Sie müssen nicht nach jedem Gag klatschen, wir sind hier doch nicht beim Karneval. Setzen Sie sich auf ihre Hände. Wenn es Zeit für einen Beifall ist, gebe ich Ihnen ein unmissverständliches Zeichen“. Sprachs und machte mit gleichem Tempo weiter.
Sein Programm trägt den markanten Titel „Dogensuppe Herzogin - ein Austopf mit Einlage“. Ein Hinweis darauf, dass er sich in seinem Programm der „langweiligsten Textsorte der Welt“, dem Reisetagebuch widmet und das, obwohl er sich geschworen hatte, seit seiner Exkursion nach Salzgitter-Ringelheim nie wieder über solches zu schreiben.
Aber was konnte er dafür, dass seine Frau, die „Richtschnur seines Handelns wie Ziel seiner Sehnsüchte, Tanzboden seiner Realität wie Inspiranz seiner Fantasie ist, eines Tages vorschlug, eine Städtereise nach Venedig zu machen.
Die anschließende schier unendlich erscheinende Reise in einem für den kräftigen Passagier viel zu kleinen Bus vom Ruhrgebiet nach Venedig war Rahmenhandlung für die Ausführungen des Künstlers. Traumphasen waren der Aufhänger, um auf das große Unheil der heutigen Zeit, die fehlende Bildung hinzuweisen. Passagiere verwandelten sich auf einmal in Literaturhelden der Kindheit, von Long Johns Silver aus Stevensons „Schatzinsel“ über Captain Ahab aus Melvilles „Moby Dick“ und Marco Polo bis Sherlock Holmes und viele mehr. Sie gerieten in eine angeregte Diskussion über das, was Literatur ausmacht. Malmsheimer verdeutlichte: „Gnade, Verständnis und Empathie sind keine literarischen Tugenden sondern Realität. Wobei man nicht mehr weiß, wie sie erreicht werden können. Das schaffen diese Helden. Jeder einzelne weiß, wie man Gnade erlangt und Vergebung spendet und wie wichtig Denken sowie Vorstellungskraft und Fantasie sind. Ich wünschte mir so sehr eine Offensive des Guten, des Schönen und des Wahren. Die machtvolle Präsenz all dessen, wofür Literatur und Geistesgeschichte stehen“. Der Kabarettist kommt zu dem Schluss, dass es dafür notwendig ist, die Glotze auszuschalten und den gläsernen Kommunikationsknochen an die Seite zu legen, um Bücher zu lesen.
Eine zweistündige Demonstration der Wortgewalt ging zu Ende und das Publikum machte sich nachdenklich auf den Heimweg.