Religion, TV und Internet wurden hinterfragt

Querdenker regt zum Selbstdenken an

Von Barbara Siebrecht
Beverungen – „Nach zwei Stunden mit mir sind Sie völlig fertig und wollen keine Zugabe mehr“ prophezeite der Schriftsteller, Kabarettist, Schauspieler und Regisseur René Sydow zu Beginn seines Abends in der Stadthalle. Auf Einladung der Kulturgemeinschaft brachte er sein Programm „Die Bürde des weisen Mannes“ auf die Bühne und forderte das Publikum mit Schnellsprechen und Querdenken.

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René Sydow gab reichlich Denkanstöße.

© Foto: Siebrecht

In seinem jetzt 3. politischen Kabarett-Programm setzte er sich unter anderem mit den verlockenden Möglichkeiten des digitalen Zeitalters auseinander. Dabei merkt er die Absurdität an, dass heute 6,5 Millionen Menschen Zugang zum Internet hätten, aber nur 4,5 Millionen Zugang zu einer Toilette. „Das Wissen der Welt ist mit ein paar Klicks verfügbar aber wir werden immer dümmer; wir benutzen das Netz für das Posten von Urlaubsfotos, Spannen den Nachbarn mit google earth und bei einem Viertel der Klicks geht’s um Pornos“, gibt er zu bedenken. Sydow stellt seinen Nachbarn dar, der bereitwillig seine Gesundheitsdaten per Fitness-Tracker dem Anbieter preisgibt und spinnt weiter, wie dessen Krankenkasse auf sein Verhalten finanziell reagiert. „Googel ist eine Weltmacht“, lässt er seine Figur sagen, „und du musst dich entscheiden, ob du im digitalen Zeitalter eine Eins oder eine Null sein willst.“
Lehrer seinen heute in den Augen der Helikopter-Eltern an allem Schuld meint Sydow und prangert den immensen Verbrauch von 1,8 Tonnen Ritalin (2018) im Jahr an, das Kinder ruhig stellen soll. Es ginge um (Herzens-)Bildung in der Schule meint er und nicht nur um die Vermittlung von praktischem Wissen und mahnt an, das hochwertiges Schulessen wichtiger sei, als ziellose Vernetzung der Klassenzimmer. Sydow wundert sich nicht, dass die Bürger nicht mehr an Europa glauben, denn sie wünschten sich eine Sozialunion und keinen Europapatriotismus, an den die Politiker selber nicht glauben. Auch das Fernsehprogramm nimmt Sydow zu Recht aufs Korn. „Mit dem Elend schwangerer Teenager wird Profit gemacht, diese Fernsehredakteuren gebührt Entmannung und jeder Dorftrottel der in einer Casting-Show auftritt ist heute schon ein Star. Die Fernsehleute glauben, das wir das sehen wollen!“, wundert sich Sydow und erntet für sein anspruchsvolle Programm zum Nachdenken von leider nur 200 Zuschauern viel Applaus. Atze Schröders seichtes Programm war wenige Tage später ausverkauft!