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Lydia Benecke erläutert die „Psychologie des Bösen“

Psychopathen unter uns?

Von Barbara Siebrecht
Beverungen – Auf der großen Leinwand liefen Musikvideos während die knapp 600 Zuschauer sich in der Stadthalle ihre Plätze suchten. Ganz unkompliziert betrat die zierliche Kriminalpsychologin und Autorin populärwissenschaftlicher Fachbücher mit ihrem Rucksack die Bühne, richtete ihr Laptop ein und stellte ihre Glücksbringer aus dem gestrickten „Kuschelsarg“ daneben auf.

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Was einen Psychopathen kennzeichnet erläuterte die Psychologin.

© Foto: Siebrecht
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Die sympathische Psychologin therapiert unter anderem Sexualstraftäter. 

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„Das ist hier ein bisschen wie Halloween, süß und gruselig zugleich“, meinte eine der Zuschauerinnen beim Betrachten der Szenerie auf der Bühne und dem schockierenden Musikvideo des Rappers Eminem. Die Diplom Psychologin Lydia Benecke stellte sich dem Publikum vor und gestand, dass sie als Schülerin sich vor dem Halten von Referaten gefürchtet habe und deshalb ihr Lebensgefährte bei jedem Vortrag Beweisfotos an ihre Mutter schicke. Benecke arbeite 30 Stunden in der Woche als Therapeutin in einer Maßregelvollzugsklinik und kommt dort in Kontakt mit Sexualstraftätern und Mördern. Ergänzend hält sie Fachvorträge u. a. vor Polizisten und klärt die Öffentlichkeit, wie das Publikum in der Beverunger Stadthalle, über Wesensmerkmale auf, die Menschen mit psychopathischen Störungen kennzeichnen. Etwa einer von 100 Menschen ist statistisch gesehen psychopathisch erklärte die Psychologin, forderte aber sofort auf, jetzt nicht den Sitznachbarn, die Schwiegermutter oder den Ex zu diagnostizieren. „Es gibt nicht die Diagnose Psychopath“, erläuterte sie, stellte aber den Wissenschaftler Robert Hare vor, der eine „Checkliste“ entwickelte, um rückfallgefährdete, psychopatische Straftäter zu erkennen.
Sehr viele psychopathische Menschen sind keine Mörder, vom Verstand her fürchten sie die Konsequenzen, hätten aber emotional kein Problem einen Menschen zu töten, wenn es unumgänglich erscheint. Viele psychotische Menschen mit biologisch bedingter Angstfreiheit würden Berufe mit hohem Risikopotential wie Stuntmen, Feuerwehrmann oder Polizist wählen und könnten nicht nachvollziehen wie andere ein geordnetes, risikoarmes Leben ertragen könnten. Weitere Lieblingsberufe psychotischer Menschen seien nach einer Studie von Kevin Dutton: Manager, Anwalt, Verkäufer, Chirurg und Journalist. Psychopatische Mörder seinen auch keineswegs immer hochbegabt. Diese Kombination ergäbe nur für Krimis und Filme die interessanteren Plots. „Ich bin katholisch sozialisiert und mir ist aufgefallen, das psychotische Wesensmerkmale viel mit den sieben Todsünden zu tun haben“, erzählte die Psychologin. Maßlosigkeit, Hochmut/Narzissmus, Geiz, Opportunismus/fehlendes Mitgefühl, Neid/Eifersucht, Genusssucht und Zorn/Rachsucht, seien Eigenschaften, die zu Straftaten führten und schon früh als negativ für das Zusammenleben in Gruppen identifiziert wären. Psychopatische Menschen seien sehr narzisstisch, gefühlskalt, manipulativ, impulsiv und unehrlich. Figuren und Personen aus Politik und Kultur benutzte Lydia Benecke um die psychopatischen Wesensmerkmale zu illustrieren. So diente Donald Trump als Beispiel für Narzissmus, Impulsivität und Unehrlichkeit und Homer Simpson attestierte sie eine Impulskontrollstörung. Kinder und Jugendliche, die im Hinblick auf die oben genannten Eigenschaften auffällig seien, bat Benecke einem Kinder- und Jugendpsychologen vorzustellen, denn in der Entwicklung könnten psychopatische Wesensmerkmale therapiert werden. Beim Erwachsenen könne einen Therapie bewirken, dass psychopathische Menschen ihr Verhalten sozialverträglich kontrollieren könnten und somit nicht zu Täter würden.
Die 600 Zuschauer verfolgten konzentriert den sehr umfangreichen Fachvortrag der Psychologin, die ihr Publikum kaum direkt ansprach. Am Ende ihrer Ausführungen stand die Übersetzung eines Liedes des Rappers Eminem in dem er seine Phantasien zu einem Mord aus Eifersucht an seiner Partnerin Kim beschreibt. „Das ist sehr realistisch dargestellt und wir können alle froh sein, dass er das in einem Lied verarbeitet und nicht wirklich gemordet hat“, erklärte die Psychologin zu den schockierenden Zeilen. Sehr nachdenklich verließ das Publikum nach dreieinhalb Stunden die Stadthalle.

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