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Theatergruppe Beverungen

Mit ungeschminkter Ehrlichkeit: Böse Buben retten Festtage

Von Marc Otto
Beverungen – Man lernt im Theater ja so allerhand: Etwa, dass sich Sträflinge ganz wunderbar als Handwerker eignen. Es sollten allerdings keine Diebe sein, denen jucke es immer so schnell in den Fingern. Besser wären Mörder, die seien immer sehr höflich.

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Da bahnt sich Herzschmerz an: Isabelle liebt Paul, doch André gefällt das nicht.

© Foto: Otto

Die Theatergruppe Beverungen brachte in der heimischen Stadthalle das Stück „Eine schöne Bescherung“ auf die Bühne. Mit dem munteren Spiel sorgten die Darsteller für zahlreiche Lacher und eine rundum heitere Abendunterhaltung.
Es ist Weihnachten bei 40 Grad im Schatten, denn wir sind in Französisch-Guyana. Die dreiköpfige Kaufmannsfamilie Ducotel plagt sich mit mies laufenden Geschäften und – im Falle der Tochter – mit Herzschmerz. Das Eine hat mit dem Andern im Grunde wenig zu tun. Doch dann trifft Besuch ein: André Couchard, gleichzeitig Vetter und Chef des Kaufmanns Felix, will nicht etwa Weihnachten im Kreis der Familie verbringen, sondern vor allem die Buchführung sehen. Er wird, geldverliebt und menschenfeindlich sowie mit großer Lautstärke und physischem Einsatz gespielt von Robert Korell. Und im Schlepptau hat er seinen Neffen Paul (Carsten Meier), in den Felix´ Tochter Isabelle (Miriam Höster) gar sehr verschossen ist.

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"Kennt sich jemand mit Schlangen aus?" Während Paul noch seine Hand untersucht, wissen die drei Sträflinge bereits, dass sich ein weiteres Problem demnächst in Wohlgefallen auflösen wird.

© Foto: Otto


Und wurden die drei Schwerverbrecher auf dem Dach schon erwähnt? Diese Herrschaften wären unter normalen Umständen das größere Problem, doch in diesem Falle sind sie sogar fest angestellt, als Handwerker. Josef, Albert und Jules (Bernward Menge, Peter Vössing und Uwe Neumann) wollen eigentlich nur stiften gehen und warten auf einen günstigen Moment. Doch angesichts der Probleme, welche die freundliche Familie Ducotel plagen, entschließen sie sich, dass noch ein paar Aufgaben auf sie warten.
Herrlich direkt: Die drei Sträflinge und ihr stummer, vierter Kollege im Körbchen beseitigen kleine und große Hindernisse mit souveräner Tatkraft und knackig-trockenen Sprüchen. Josef brilliert als Genie der Buchführung und im Verkauf, ein Frauenversteher namens Albert hebt etwa Töchterchens Selbstvertrauen, Jules knackt jedes Schloss vor allem mittels fachmännischem Klopfen und Massieren – und was trägt eine Schlange namens Adolphe bei? „Er beißt manchmal – er kann nicht anders.“
Die Gruppendynamik der Sträflinge darf denn auch mit zu den Highlights des Abends zählen: Das Trio umgeht fröhlich alle moralischen Schranken, welche der Familie im Wege stehen. Eine wahre Freude ist es, zuzuschauen, wie sich kriminelle Energien entfalten und sich Probleme wirklich mal lösen lassen. Durch Taten wie Betrug und Urkundenfälschung vielleicht, von indirektem Mord ganz zu schweigen, doch im Angesichte von Vetter André sind die Bösen doch irgendwie die besseren Guten. Zumal sie zwar ungebührlich stolz auf ihre verbrecherischen Fähigkeiten sind, andererseits aber doch ganz sympathisch daherkommen.

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Das komplette Ensemble genießt seinen wohlverdienten Applaus.

© Foto: Otto


Kriminelle Energie fließt übrigens auch in der Kaufmanns-Gattin Amelie (Bettina Beckmann), zumindest ein wenig. So liest sie gern im Tagebuch des Töchterchens – zu keinem anderen Zweck schenkte sie es ihr überhaupt. Und in einem persönlichen Gespräch mit einem der Sträflinge gesteht sie: „Ich wäre gern wie sie.“ Um André zu ermorden, nämlich. Doch wird dies dann doch dem Fachmann – Adolphe – überlassen.
Kaufmann Felix (Franz-Josef Dewenter) ist dagegen eher der Typ zaghafter Gutmensch, der von den drei Sträflingen zu seinem Glück gezwungen werden muss. Beim Frisieren der Buchhaltung lautet denn auch Josefs Argument: „Ich bringe Ihre Bücher lediglich in Einklang mit Ihrem Charakter.“
Die starken Dialoge glänzen besonders in ihren Pointen, manchmal betont platt und sachlich geliefert, im Inhalt dafür umso spitzer. So fragt ein aufgrund von Schlangenbiss dahinsiechender Paul: „Wo bringen sie mich hin?“ - „In den Garten, da wirken Sie malerischer.“ Es spricht der Künstler, und recht hat er.
Inszeniert wurde das Stück von Regisseur Gerold Reinken. Auftritte haben außerdem Toralf Klimmer als Schiffsarzt und Jutta Leiße als „Martinshorn“ bzw. redselige Kundin.
Letztlich entschließen sich die Häftlinge übrigens zur Rückkehr ins Gefängnis. Nicht nur weiß man dort immer, wo man aufwacht und fühlt sich sicher, nein, dort sind irgendwie auch die besseren Menschen.
„Und wenn uns nächstes Jahr langweilig wird“, so lautet der Vorsatz, „brechen wir eben wieder aus.“
Gerne, sehr gerne. Dem Publikum wäre sicherlich nicht langweilig.

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