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Kostenintensive Aufforstung nötig

Milliarden von Käfern!

Von Barbara Siebrecht
Herstelle - „Der Specht feiert hier Party“, beschrieb Roland Schockemöhle, Leiter des Forstamtes Hochstift das in diesem Jahr riesige Nahrungsangebot an Borkenkäfern. Die beiden auf die Fichte spezialisierten Borkenkäferarten, der „Buchdrucker“ und der etwas kleinere „Kupferstecher“, fanden in diesem extrem heißen und vor allem trockenen Sommer 2018 ideale Bedingungen vor und vermehrten sich massenhaft. Gemeinsam mit Revierförster Matthias Wolf erläuterte Schockemöhle am Beispiel eines Fichtenbestandes auf dem Rotsberg bei Herstelle Schäden und Gegenmaßnahmen.

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Revierförster Matthias Wolff und der Leiter des Forstamtes Hochstift Roland Schockemöhle mit einem abgestorbenen Rindenstück der Fichte, dahinter die Zukunft: Europäische Lärche.

© Foto: Siebrecht

Die Schäden sind schon von Weitem zu erkennen. Überall, wo braune oder schon trockene Fichtenspitzen aus dem Wald ragen, waren die Borkenkäfer am Werk. Die in der Nähe stehenden Fichten sind in der Regel auch schon befallen. Beim Waldspaziergang kann auch der Laie die Schäden durch abplatzende Rinde oder auf dem Boden liegende grüne Nadeln erkennen. Am Stamm hat oft der Specht schon die Rinde aufgehackt, um an die schmackhaften Maden des Käfers zu kommen.
Die Borkenkäfermännchen fliegen ab April aus und suchen geeignete Brutbäume, zu denen sie dann mit Duftstoffen die Weibchen leiten und untereinander kommunizieren. Oft werden geschwächte Bäume von vielen Borkenkäferweibchen gleichzeitig befallen, die zunächst einen senkrechten Muttergang bohren und dort ihre befruchteten Eier ablegen. Der Borkenkäfer besiedelt die dünne, lebendige Schicht der Borke, den sogenannten Bast, zwischen der toten, äußeren Rinde und dem Holzkörper. Hier liegen die Leitungsbahnen, die Wasser und Nährstoffe von der Wurzel zu den Nadeln bringen. Die Larven der Borkenkäfer fressen waagerechte Gänge im Bast und unterbrechen so die Wasserzufuhr nach oben. Der Baum vertrocknet.
In normalen Jahren können die Bäume Schädlinge durch einharzen unschädlich machen. Durch die Trockenheit geschwächte Bäume waren dazu nicht in der Lage. In Beverungen und vielen Standorten im Kreis wächst Wald zudem auf Böden, die nur eine flache Bodenschicht über dem anstehenden Fels aufweisen und nur wenig Wasser (für etwa 14 Tage) speichern können. „So konnte der Borkenkäfer bis zu vier Generationen (in normalen Sommern 2 Generationen) erzeugen, die schlimmste Massenvermehrung seit 1947“, erläuterte Schockemöhle, „ein Weibchen hat 200.000 Nachkommen.“
Die Förster versuchen durch schnelle Abholzung und Schälen der befallenen Fichten eine Ausbreitung der Borkenkäfer einzudämmen. Leider sind Forstunternehmen und Sägewerke durch die Aufarbeitung des Sturms „Friederike“ am 18. Januar schon stark ausgelastet.
Die Fichtenbestände wurden nach dem Krieg gepflanzt um schnell geeignetes Bauholz zu erzeugen und die Holzverluste durch die Reparationzahlungen an die Siegermächte auszugleichen. Leider stellte sich heraus, dass die Fichte, die schnellwüchsig ist und hervorragende, gerade Stämme liefert, auf vielen Standorten nicht passt. Durch ihr flaches Wurzelsystem ist sie windwurfgefärdet und bei trockenen Standorten anfällig für die Borkenkäfer.

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Wenn grüne Nadeln auf dem Boden liegen, war der Buchdrucker (rechts) am Werk.

© Foto: Siebrecht


Revierförster Wolff berichtete, dass der Waldumbau aufgrund dieser Erkenntnis schon seit Jahrzehnten im Gang ist. In seinen 28 Dienstjahren im Beverunger Stadtwald wurde der Fichtenanteil von 40 Prozent (400 Hektar) auf ca. 6 Prozent (etwa 70 Hektar, nach Aufarbeitung der Sturm und Käferschäden 2018) vermindert. Windwürfe und Käfernester wurden aufgearbeitet und ein Mischwald mit Traubeneiche, Buche, Europäischer Lärche, Douglasie, und Kirsche wurde angepflanzt. Nach Erfahrungen von Förster Wolff kommen auf die Stadt Beverungen und die vielen privaten Waldbesitzer, die er ebenfalls berät, Investitionen von ca. 15.000 Euro pro Hektar zu bis die jungen Bäume nach 3 bis 7 Jahren einen stabilen Bestand gebildet haben. In den Jungpflanzungen halten sich gerne Wildtiere auf und schädigen zum Teil durch das Fressen von Knospen und Rinde die jungen Bäume. „Hier sind die Jäger gefordert, den Wildbestand anzupassen, damit die jungen Bäume sich entwickeln können“, mahnte Roland Schockemöhle
Der Wald wird sein Gesicht verändern und die Förster werden der Verpflichtung und Chance gerecht werden, den Wald der Klimaveränderung anzupassen. Über die forstliche Verwendung von Baumarten aus Südeuropa wie der Esskastanie oder der Walnuss wird nachgedacht und auf Versuchsflächen die Japanische Sicheltanne und die Atlaszeder getestet.

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