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Renaturierungsprojekt auf dem Dalhauser Krähenberg

Lebensgrundlage für bedrohte Insektenarten

Von Peter Vössing
Dalhausen – Den Bewohnern von Dalhausen ist es längst aufgefallen: Auf ihrem Krähenberg hat sich einiges getan. Dort, wo sonst ein dichter Bewuchs aus Bäumen und Sträuchern das Bild beherrschte, ist jetzt eine braune Erdfläche zu erkennen.

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Ortstermin am Krähenberg: (v.l.) Projektleiter Jürgen Düster vom Landkreis Kassel, Frank Grawe und Sven Mindermann von der Landschaftsstation des Kreises Höxter und Pascal Lepa von der Firma Stefani.

© Foto: Vössin

Emsig waren die Arbeiter des Forstbetriebs Stefani aus Diemelstadt-Wethen am Werk, um die charakteristische Kalkmagerrasenfläche wieder zum Vorschein zu bringen. Die abgeschnittenen Gehölze sind fein säuberlich in Haufen aufgeschichtet, nur vereinzelte Bäume und Strauchgruppen prägen nun noch die Bergkuppe. Das abgeschnittene Holz wird zu Holzhackschnitzel verarbeitet. Eine insgesamt 6,8 Hektar große Fläche wurde in mühevoller Handarbeit entbuscht. Teilweise mussten die Arbeiter an Steigungen von ca. 80 Prozent arbeiten.
Sven Mindermann von der Borgentreicher Landschaftsstation des Kreises Höxter erklärte beruhigend: „Das sieht jetzt ziemlich öde aus, aber spätestens im Sommer des nächsten Jahres erstrahlt der Krähenberg wieder im saftigen Grün.“

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Eine 6,8 Hektar große Fläche am Krähenberg wurde renaturiert.

© Foto: Vössing


Kalkmagerrasen gehören zu den artenreichsten Lebensräumen Mitteleuropas. Vor allem durch den Klimawandel sind die für den Kreis Höxter und das Diemeltal so typischen Lebensgemeinschaften der Kalk-Halbtrockenrasen in ihrer Existenz akut bedroht. Zahlreiche Insektenarten beispielsweise, die kaum in der Lage sind, sich den geänderten Lebensbedingungen schnell anzupassen, finden keine ausreichende Lebensgrundlage mehr.
Angesichts dieser dramatischen Entwicklung wollte die Landschaftsstation im Kreis Höxter e. V., eingebunden in ein länderübergreifendes Erprobungs- und Entwicklungsvorhaben im Diemeltal, in großem Umfang Kalk-Halbtrockenrasen in den Stadtgebieten Warburg, Borgentreich und Beverungen durch innovative und nachhaltige Renaturierungsmaßnahmen wiederherstellen. Übrigens, die besagten Kalkmagerrasenflächen gehören zu den nördlichsten Deutschlands.
Viele der jahrhundertelang beweideten Kalkmagerrasen im Kreis Höxter sind infolge des agrarstrukturellen Wandels bereits in den 50er und 60er Jahren des 20. Jahrhunderts aus der Nutzung gefallen. Die Flächen vergrasten oder verbuschten, verbunden mit einer massiven Artenverarmung. Artenreiche Kalkmagerrasen existieren im südlichen Kreis Höxter nurmehr auf einem Bruchteil der ursprünglichen Fläche. Es bestand daher dringender Handlungsbedarf.
Ein kreisübergreifendes Renaturierungsprojekt unter der Federführung des Landkreises Kassel und mit wissenschaftlicher Begleitung von Experten der Universität Osnabrück wurde initiiert. "Unser Ziel war es, wertvolle Sträucher und Bäume sowie besonders prägende Landschaftselemente stehen zu lassen, aber die Gebüsche, die den Licht- und Wärmeeinfall für den Kalkmagerrasen verhindern, zu entfernen", erläuterten Frank Grawe und Sven Mindermann von der Landschaftsstation Höxter das Projekt.

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Die braune Fläche wird im Sommer im kräftigen Grün erstrahlen. Das gelagerte Holz wird zu Holzhackschnitzeln verarbeitet.

© Foto: Vössing


Insgesamt sollten etwa 60 Hektar Kalkmagerrasen im Landkreis Kassel und im Kreis Höxter renaturiert und für wissenschaftliche Untersuchungen genutzt werden. Die Wissenschaftler erhoffen sich dadurch neue Erkenntnisse über die Entwicklung der Artenvielfalt. Die Maßnahmen werden von der Universität Osnabrück, Abteilung für Biodiversität und Landschaftsökologie wissenschaftlich begleitet. Im Projekt soll u. a. erforscht werden, wie sich Pflanzen oder Insekten am effektivsten auf die renaturierten Flächen übertragen lassen. Das Vorhaben wird vom Bundesamt für Naturschutz (BN) koordiniert und mit Mitteln des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (BMUB) sowie der Länder Nordrhein-Westfalen und Hessen gefördert. Für das länderübergreifende Projekt wurde rund 1,7 Millionen Euro bereitgestellt.
Der Startschuss fiel bereits im Oktober (in Dalhausen wurde im November mit den Arbeiten begonnen). „Wir sind froh, trotz europaweiter Ausschreibung mit dem Forstbetrieb Stefani einen kompetenten Partner aus der Region bekommen zu haben, der überaus professionell und schnell die Arbeiten erledigt hat“, erklärte Sven Mindermann.
Der Krähenberg bei Dalhausen wurde früher als Gemeindekuhweide genutzt. Damals ließ die örtliche Volksschule auf dem sogar ihren Sportunterricht stattfinden. Zum Unmut der Lehrer mussten alle erst auf den Berg steigen, um dort Sport zu treiben. „Wenn der Fußball dann einmal eine falsche Richtung aufnahm, war es mühsam den Ball wieder heraufzuholen“, erklärte ein Zeitzeuge.
Auch in der heutigen Zeit lässt ein Dalhauser Landwirt seine robusten Angus-Rinder auf dem Krähenberg weiden. Ihnen steht nach den durchgeführten Entbuschungsarbeiten zukünftig mehr Futterfläche zur Verfügung, so dass bereits im kommenden Jahr wohl deutlich mehr Rinder dafür Sorge müssen, den gestiegenen Offenland-Charakter am Krähenberg aufrecht zu erhalten. In einigen Jahren ist sicherlich wieder eine Nacharbeit notwendig.
Projektleiter Jürgen Düster vom Landkreis Kassel zeigt sich beim Ortstermin, zu dem neben Frank Grawe und Sven Mindermann auch Pascal Lepa von der Firma Stefani gekommen waren, sehr zufrieden mit den Arbeiten. Im Blick hatte er dabei vor allem die bodenschonende Arbeitsweise. So wurden beispielsweise die Räder des Rückefahrzeugs mit Ketten bespannt, um starke Bodenverpressungen durch Einzelradlasten zu vermeiden.
Gut ausgestattete Kalk-Halbtrockenrasen sollen zukünftig einen weiteren wichtigen Baustein bei der Vermarktung des Kulturlandes Kreis Höxter als attraktives Reiseziel für einen sanften Tourismus bilden. Wer demnächst beispielsweise den Wanderweg um Dalhausen herum nutzt, wird ein völlig anderes Bild des Taldorfes an der Bever erhalten. Weitere Informationen unter: http://kalkmagerrasen.net/

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