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Aussage des Staatsekretärs sorgt für Ungemach

Heftige Kritik aus der Region

Von Peter Vössing
Beverungen – Im Rahmen der WDR-Stadtgesprächs, das das geplante Bereitstellungslager in Würgasssen zum Thema hatte, sorgte Jochen Flasbarth (Staatssekretär im Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit) mit einer Aussage zum erwarteten Rückgang der Touristenzahlen für Ungemach.

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Staatssekretär im Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit Jochen Flasbarth.

© Foto: Bundesregierung/Sandra Steins

Er bemerkte: „Wenn man negative Auswirkungen auf den Tourismus vermeiden will, sollte man das [Bereitstellungslager – Anm. d. Red.] nicht dämonisieren“. Hier wirft er den Kritikern vor, durch Aktionen gegen das geplante Lager für den eigenen touristischen Niedergang zu sorgen. Für Lagergegner wie Dirk Wilhelm eine ungeheure Unterstellung.
Rembert Stiewe (Geschäftsführer von Beverungen Marketing) äußerte sich erbost zur Aussage:
„Der Staatsekretär im Bundesumweltministerium Jochen Flasbarth mag ein gewiefter Politprofi sein, seine Äußerungen zu Auswirkungen des "Zentralen Bereitstellungslagers" in Würgassen auf den Tourismus sind allerdings nicht nur frech, sondern sie halten auch keiner Überprüfung stand. "Wenn man negative Auswirkungen auf den Tourismus vermeiden will, sollte man das nicht dämonisieren", sagte er im WDR-Stadtgespräch. Umgekehrt wird ein Schuh daraus: Wenn man negative Auswirkungen auf den Tourismus vermeiden will, sollte man das ZBL in Würgassen gar nicht erst bauen.

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Rembert Stiewe, Geschäftsführer von Beverungen Marketing.

© Foto: Siebrecht


Dass die beiden Gutachten, auf die sich Flasbarth bezieht, keinerlei Erkenntnisgewinn liefern, liegt auf der Hand: sie sollen angeblich aussagen, dass im Umfeld von Nuklearanlagen die Immobilien- und Grundstückspreise nicht sinken und die Übernachtungszahlen nicht leiden. Die Gutachten beziehen sich auf verschiedene Zwischenlager und den Zeitraum von 2012 bis 2019. Interessant: 2012 gab es diese Zwischenlager bereits, es ist den Gutachten also kein Vergleich zwischen der Situation Vorher und Nachher zu entnehmen, sondern es werden lediglich Jahre gegenübergestellt, deren statistische Auswertungen offensichtlich auf gleiche Ergebnisse hinauslaufen müssen.
Dass ein ruhendes Zwischenlager andere Auswirkungen auf die touristische Wahrnehmung hat als ein stetig auf Schiene und Straße bedientes "Logistikzentrum" dürfte ebenfalls auf der Hand liegen. Für diese Einschätzung braucht es kein Gutachten, schon gar keins, was jeglicher Aussagekraft entbehrt.
Die in den letzten Jahren forcierten Bestrebungen, unsere Region touristisch attraktiver zu machen, werden durch ein solches 325 x 116 x 17 Meter (!) messendes Monster torpediert. Und es wird ja nicht irgendeine Ware dort gelagert werden, sondern Atommüll. Kein sehr attraktives Argument, um seinen Urlaub im Weserbergland zu verbringen. Ob die Qualitätsoffensive und Zertifizierung des Weserradweges R99, ob Rund-Wanderwege, Weser-Skywalk, ob Kulturerbe Corvey, Porzellanmanufaktur Fürstenberg, Hafen Bad Karlshafen oder das Weserufer Beverungen und viele weitere überregionale und lokale Projekte: All das wurde und wird touristisch in Wert gesetzt. Und wird rapide an touristischem Wert verlieren, wenn Würgassen die Atommüllhalde ganz Deutschlands wird.
Richtiggehend wütend macht mich nicht nur, dass Staatssekretär Flasbarth und die BGZ offensichtlich meinen, mit solchen Taschenspielertricks Meinung machen zu können - sondern auch, dass Herr Flasbarth hier die Verantwortung umkehrt. Weil die Bevölkerung dieses Atom-Monstrum nicht haben möchte und dies auch deutlich zum Ausdruck bringt, wird das touristische Image der Region geschwächt? Geht's noch, Herr Flasbarth? Stellen Sie sich vor, Sie hätten ein Einzelhandelsgeschäft oder ein Restaurant, Herr Flasbarth. Ihr Unternehmen hat in den letzten Jahren investiert, um unter ohnehin schwierigen Marktbedingungen den Kampf der Standorte bestehen zu können. Und dann kommt aus heiterem Himmel eine Baukolonne einer Bundesbehörde und mauert den Eingang ihres Geschäftes zu. Mit der lapidaren Begründung: Das muss so, das haben wir so entschieden, es musste ja schnell gehen. Sie würden sich zu Recht aufregen, die Öffentlichkeit suchen, die Sinnlosigkeit und Ungerechtigkeit der Aktion anprangern. Und die Bundesbehörde würde argumentieren: "Jetzt machen sie doch hier nicht so ein Geschrei, sie reden ja öffentlich ihr eigenes Geschäft schlecht, das wird negative Auswirkungen auf die Kundenfrequenz haben!": Merken Sie selbst, Herr Flasbarth, dass das ausgewiesener Blödsinn ist, oder?“
Auch der heimische Bundestagsabgeordnete Christian Haase (viele Jahre selbst Bürgermeister in Beverungen) gab ein Statement zur Aussage Flasbarths:
„Zum einen halte ich von Bezeichnungen wie „Atomklo“ wenig, obwohl so etwas nur quasi überspitzt die Sorge um ein dauerhaftes Zwischenlager ausdrückt. Es ist aber nicht mein Sprachgebrauch. Viel wichtiger ist aber die mögliche politische Aussage dahinter: „Bitte keine öffentliche Kritik. Ihr sägt an eurem eigenen Ast“ Sollte Herr Flasbarth das so gemeint haben, bin ich dann gänzlich anderer Meinung.

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MdB Christian Haase

© Foto: Deutscher Bundestag/Achim Melde


Natürlich sind die Sorgen um die touristische Entwicklung berechtigt. Solche Aspekte haben bei der Standortauswahl offensichtlich keine Rolle gespielt und müssen jetzt eingebracht werden.
Wenn ich sehe wie das Thema und die Fragen in der Anfangszeit behandelt wurden, wie Frau Schulze offensichtlich bis heute auf den persönlichen Gesprächswunsch der Kommunalpolitiker nicht reagiert hat, wirkt ein solcher Appell mehr als befremdlich. So etwas hätte in einem Ministerinnengespräch als Aspekt gebracht werden können, aber nicht in einer Podiumsdiskussion. Kommunikation auf Augenhöhe sieht für mich anders aus. Man müsste also fragen, ob Herr Flasbarth aufklären wollte, dann hat er die falschen Worte gefunden oder ob er ein mangelndes Gefühl für die Sorgen der Menschen in unserer Region hat.“

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