Drucken Versenden
Sandra Brökel las im Gymnasium Beverungen

Erzählte erlebte Geschichte

Beverungen (brv) - Für Schulen ist der Roman „Das hungrige Krokodil“ von Sandra Brökel ein Glücksfall, weil er an authentischem Material ein Stück Geschichte literarisch aufarbeitet, d.h. sowohl für das Fach Deutsch, als auch für Geschichte interessant ist.

Bild anzeigen

Lesung im Gymnasium: (v.l.) Christoph Reichardt (Lehrer für Deutsch und Geschichte), Sandra Brökel (Autorin), Benedikt Marpert (Schulleiter).

© Foto: Gymnasium Beverungen

Der Roman „ergreift“ und das war auch bei der Lesung in Beverungen zu spüren. So wurde sie zu einer gelungenen Ergänzung des Fachunterrichtes.
Die Steinheimer Schreibtherapeutin Sandra Brökel las aus ihrem Roman „Das hungrige Krokodil“. Die Aula des Schulzentrums war gut gefüllt mit den Schülern der Jahrgangsstufen EF, Q1 und Q2 des Gymnasiums. Sie erlebten eine Lesung der etwas anderen Art, denn die Autorin berichtete nicht nur über die interessante Entstehungsgeschichte des Buches, sondern auch über die Verlagssuche und die für den Roman wichtige Historie der Tschechoslowakei zwischen 1938 und 1968/70. Ihr lebendiger Vortrag wurde durch interessante Fotos und einen kleinen Film über den Schreibprozess sinnvoll ergänzt.
Der Roman – so erkannten die aufmerksamen Zuhörer sehr schnell - ist etwas Besonderes, und zwar „erzählte erlebte Geschichte“. Pavel Vodák, Protagonist des biografischen Romans, wirkte lange Jahre als Arzt am Laurentiusheim in Warburg, in seinen letzten Lebensjahren schrieb er seine höchst interessante Lebensgeschichte auf: die eines Dissidenten aus der CSSR, zugleich die eines Mannes mit deutscher Mutter und tschechischem Vater. Die vielen Schreibmaschinenseiten wurden in einen alten Arztkoffer gelegt und gerieten zunächst in Vergessenheit. Vodáks Tochter Pavlina erzählte ihrer guten Freundin Sandra Brökel – beide sind bzw. waren u.a. gemeinsam in der Hospizbewegung des Kreises Höxter aktiv - während einer Fortbildung in Berlin von den Aufzeichnungen. Zunächst nur als private Lektüre genutzt, zeigte sich rasch, diese „Geschichte“ musste in die Öffentlichkeit. Denn in ihr wird nicht nur die oft schwierige deutsch-tschechische Geschichte vor allem zwischen 1938 und 1945 thematisiert, sondern auch das Ringen um mehr Menschlichkeit und Meinungsfreiheit im Rahmen des sogenannten „Prager Frühlings“. Vodák gehörte zu den Unterzeichnern des Manifestes der „zweitausend Wörter“, nach dem Einmarsch von Truppen des Warschauer Paktes vor genau 50 Jahren geriet er dadurch zunehmend unter den Druck der kommunistischen Machthaber und entschloss sich 1970 zur abenteuerlichen Flucht mit seiner Familie über Jugoslawien nach Deutschland.
Die autobiografischen Aufzeichnungen des Arztes konnten jedoch nicht direkt in Buchform veröffentlicht werden, Sandra Brökel musste sie mit Hilfe von Vodáks Tochter literarisch bearbeiten und punktuell ergänzen. Dabei steht die Metapher des „hungrigen Krokodils“ für jene Menschen – sei es die NS-Herrscher der „Protektoratszeit“ (1939-1945) oder die kommunistischen Machthaber in der CSSR – die scheinbar ruhig auf ihre Mitmenschen schauten, dann aber oft blitzschnell „zuschnappten“, ihre Mitbürger drangsalierten, schikanierten oder gar töteten. Beiläufig erwähnt: Das Buch entstand vor allem im „Cafe Slavia“ im Herzen Prags, einem der Zentren der Prager Dissidenten um Vaclav Havel. Durch Zufall fand Sandra Brökel relativ schnell einen Verleger; der Plan, gemeinsam mit ihrer Freundin Pavlina, eine der Protagonistinnen des Romans als Tochter des Arztes,  auf Lesereise zu gehen, musste nach deren frühen Tod aufgegeben werden. So wurde der Roman zu einem doppelten Gedächtnis: das des Arztes Pavel Vodák und seiner Tochter Pavlina.

Bilder & Videos

Diesen Artikel versenden

Absender-E-Mail:*
Empfänger-E-Mail:*
Nachricht:*

* Pflichtfelder