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Stellungnahme „Bürgerinitiative gegen atomaren Dreck im Dreiländereck“

Auswirkungen des Bereitstellungslagers für die Region

Beverungen (brv) - Dirk Wilhelm, Leiter der Bürgerinitiative bezieht in einem Schreiben Stellung zum geplanten Bereitsstellungslager in Würgassen. Dabei geht er aus seiner Sicht auf einzelne Aspekte des "Logistikzentrums" ein.

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Auf dem ehemaligen Gelände des Kernkraftwerkes Würgassen soll ein riesiges Bereitstellungslager für schwach radioaktiven Müll entstehen.

© Foto: Vössing

Dirk Wilhelm: "Die Bürgerinitiative gegen atomaren Dreck im Dreiländereck möchte für bestmögliche Transparenz zum Thema Bereitstellungslager in Würgassen beitragen. Daher möchte ich die Zeit nutzen und einige Eckdaten des geplanten zentralen Bereitstellungslagers (ZBL) in Würgassen, der Findungs-Farce und den möglichen Auswirkungen auf die Region aufzeigen.
Am Ende dieser Geschichte stehen aktuell mehrere tausend zutiefst enttäuschte, teils verängstigte Menschen, ein zu bewegendes Volumen von ca. 600.000m3 Atommüll und ein möglicher Lager-Betrieb von mindestens 30 Jahren.
Die „Idee“ zur Errichtung eines zentralen Bereitstellungslagers (ZBL) entstand bereits Ende 2016 und wurde auf Seite 42 Absatz 3 im Gesetzentwurf 18/10353 des deutschen Bundestags erstmals genannt.
Um das Endlager für schwach- und mittelradioaktiven Müll, Schacht Konrad bei Salzgitter, möglichst „effizient“ und unterbrechungsfrei füllen zu können, solle ein Lager „als Puffer“ und Platz zum Sortieren der unterschiedlichen Atommüllgebinde errichtet werden - das ZBL. Der Bund gab in Folge der Entsorgungskommission den Auftrag, die Eckdaten für einen möglichst optimalen Lagerstandort und dessen Eigenschaften auszuarbeiten. Dieses „Papier“ wurde 2018 fertiggestellt.
Die Entsorgungskommission benennt 2018 als optimalen Standort des ZBL den Platz direkt am Endlager Schacht Konrad. Da es jedoch „Hindernisse“ hierbei gäbe (anm. man fürchtet den Verlust der Betriebsgenehmigung für Schacht Konrad), solle man im Umkreis von ca. 150km um das Endlager herum nach einem geeigneten Standort suchen. Im weiteren Verlauf empfiehlt die Kommission viele notwendige Eigenschaften bezüglich der Infrastruktur um das Lager herum, dem Standort an sich und dem Lager selbst.
Im Anschluss kam es zur Ermittlung eines möglichen Standorts für das ZBL. Standen zu Beginn der „Suche“ zunächst eine hohe zweistellige Zahl an Möglichkeiten zu Papier, verringerte sich dies schnell auf 10 Standorte. Unter diesen wurde eine Bewertung auf Basis eines Punktesystems durchgeführt, welches zum Teil nur schwer nachvollziehbar ist und dessen Bewertungskriterien Fragen aufwerfen. Am Ende stand Würgassen für die BGZ als „optimaler Standort“ fest.
Diese Entscheidung ist äußerst fraglich, denn viele der im Empfehlungsschreiben der
Entsorgungskommission festgelegten, zum Teil als essenziell bezeichneten Eigenschaften werden am Standort Würgassen und dessen Umgebung nicht erfüllt.
Die BGZ als zukünftiger Betreiber des ZBL untermauert seine Standortfindung mit einem Gutachten des Öko-Institut Darmstadt, welches Mitte 2019 im Auftrag des BMU (Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit) erstellt wurde. Die BGZ sieht sich hierin in ihrer Entscheidungsfindung und der Festlegung auf den Standort Würgassen bestätigt.
Hierzu folgende Aussage des Öko-Instituts, Zitat: „Die Begutachtung basiert dabei ausschließlich auf den Inhalten der BGZ Unterlage, eigene Datenerhebungen wurden im Rahmen dieser Stellungnahme nicht durchgeführt. Eine weitergehende Bewertung des empfohlenen Standorts erfolgt in der vorliegenden Stellungnahme nicht.“ - Zitat Ende.
Nun was bedeutet das? Da beauftragt und bezahlt ein Bundesministerium ein Gutachten, welches die Entscheidung der BGZ (100% im Eigentum und Verantwortungsbereich des Bundes) prüfen soll. Dieses „Gutachten“ wird ausschließlich auf Grundlage von Angaben eben des zukünftigen Lager-Betreibers und gleichzeitigem Entscheidungsträgers bei der
Standortsuche, der BGZ, erstellt.
Da mag sich jetzt jeder sein Urteil zu bilden. Ich vergleiche das mal so: Ich lasse die
schulische Leistung meines Sohnes bewerten, indem ich dem Lehrer eine von meinem Sohn selbst ausgearbeitete Klassenarbeit vorlege. Der Lehrer lässt meinen Sohn die Arbeit schreiben, bewertet die Antworten und vergibt die Note.
Am 06.03.2020 Informierte die BGZ nach einem ca. 4-jährigen Entwicklungsprozess die Öffentlichkeit darüber, dass am Standort Würgassen ein ZBL errichtet werden soll. Hierbei wird nicht mehr von einem zentralen Bereitstellungslager für das Endlager Schacht Konrad, sondern von einem „Logistikzentrum“ gesprochen. Zugleich verharmlost man mittelradioaktiven Müll mit Vokabular wie „Arbeitskleidung und Handschuhe“ und wagt es gegenüber den Menschen in der Region von Transparenz und Vertrauen zu sprechen.
Zum Lager selbst: Bereits im Gesetzentwurf zur Neuordnung der Verantwortung zur kerntechnischen Entsorgung aus 2016 wird in Hinblick auf die Errichtung eines ZBL festgestellt, Zitat: „Diese Option wäre nur dann zu verwirklichen, wenn sie sich nach Abwägung von Kosten und Nutzen als wirtschaftlich erweisen würde.“
Weiter weist die BGE (Betreibergesellschaft des Endlagers Schacht Konrad) auf ihrer Webseite darauf hin, Zitat: „ Ein zentrales Logistikzentrum ... ist keine notwendige Bedingung für den Betrieb des Endlager Konrad. Allerdings ermöglicht das Logistikzentrum einen effizienten Zweischicht-Betrieb“ Zitat Ende.
Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, womit eine unnötige Verlängerung der Atommüll-Transportwege, ein höheres Risiko aller Bürger, eine horrende Investition und die Belastung einer ganzen Region über Jahrzehnte hinweg begründet ist.
Zum Standort und dessen Eigenschaften:
Viele der durch die Entsorgungskommission bereits 2018 festgelegten, zum Teil
sicherheitsrelevanten Bedingungen werden durch den Standort Würgassen nicht erfüllt. Im Detail:
- Wohnbebauung näher als 300m zum Objekt
- keine zweigleisige Bahnanbindung in verschiedene Richtungen
- keine optimale Fernverkehrsanbindung in verschiedene Richtungen
- Das Gelände befindet sich im Hochwassergebiet
Anmerkung: Darüber hinaus befindet sich das Areal in einem der acht militärischen Tieffluggebiete Deutschlands. Die notwendige bauliche Sicherung der Gebäude gegen
einen direkten Einschlag ist bisher noch nicht genannt oder in Erwägung gezogen worden.
Auswirkungen auf die Menschen in der Region:
Sollte es zur Errichtung des ZBL in Würgassen kommen, wird die Region über einen Zeitraum von ca. 30 Jahren jeden Monat mit einem Aufkommen von ca. 200 Güterzügen (An- und Abfahrt) und hunderten von LKW-Transporten belastet. Allem gemein ist die Klassifizierung als Gefahrguttransport, wobei die Wahrscheinlichkeit eines Unfalls im Zeitraum von 30 Jahren und der einhergehenden täglichen Transportfrequenz als sehr wahrscheinlich anzusehen ist. Letztlich gilt es insgesamt ca. 300.000m3 Atommüll anzufahren, für den Weitertransport vorzubereiten und wieder abzufahren.
Im Lagerbetrieb ist zudem die Prüfung jedes Lagerbehälters auf Einhaltung der Bedingungen zur Endlagerung durchzuführen. Hierbei ist sowohl der Behälterinnendruck als auch die Restfeuchtigkeit im Innern zu messen - kontaktlos ist dies nicht möglich. Hier ist zu vermuten, dass die Gebinde zur Messung zu öffnen sind, ein Vorgang bei dem es zur Freisetzung von Radioaktivität oder radioaktiven Stoffen kommen kann. Entsprechend sind Mess- und Schutzeinrichtungen im und um das Lager herum vorgesehen.
Im Dreiländereck setzt man seit Jahren auf Einnahmen aus dem Tourismus. Es wurden horrende Summen in Projekte wie dem Weser-Skywalk und dem Hafenausbau in Bad Karlshafen investiert, weitere Projekt wie die Umgestaltung der Weserpromenade in Beverungen sind geplant. Ein Weltkulturerbe und der deutsche Märchenwald schmücken unsere Region. Es ist nur schwer vorstellbar das der Lagerbetrieb und die damit einhergehenden Belastungen keinen Einfluss auf die Attraktivität unserer Region als touristisches Ziel haben wird.
Die geplante Lagerkapazität des ZBL von 60.000m3, immerhin 1/5 der gesamten Lagerkapazität von Schacht Konrad, überschreitet die von der Entsorgungskommission empfohlene Lagergröße um ein Vielfaches. Diesen Umstand gilt es zu hinterfragen.
Niemand investiert ohne Grund oder gar unnötig in ein Projekt, jeder EUR verfolgt eine klare Absicht, dient einem Ziel.
Zum Endlager selbst:
Die Betriebsgenehmigung für Schacht Konrad wurde 2002 endgültig erteilt. Der Umbau des ehemaligen Bergwerks zum Endlager für schwach- und mittelradioaktiven Müll sollte ursprünglich ca. 490 Mio. EUR kosten, die Inbetriebsetzung war für 2011 vorgesehen.
Aktuell ist eine Summe von 4,2 Mrd Euro buchstäblich „in der Erde vergraben“ worden und die Inbetriebnahme des Endlagers ist für 2027 geplant.
Geht es nach den Plänen der BGZ, sollen die zwei Großprojekte Konrad und das ZBL in 2027 fertiggestellt sein und zeitgleich den Betrieb aufnehmen. Das Unterfangen mutet ähnlich an, als dass man den Flughafen BER gemeinsam mit dem Bahnhof Stuttgart 21 in Betrieb setzen wolle…"

Dirk Wilhelm
Bürgerinitiative gegen atomaren Dreck im Dreiländereck i.G

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