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Storno 2018 – Die Abrechnung

„Didschitäl Wörlt“, Weltrettungskurs und Otto-Katalog-Abschied

Von Marc Otto

Beverungen – Von der Politik über Sport bis hin zu Kultur und Kindheitserinnerungen: Nichts bleibt ungeschoren, was im letzten Jahr und darüber hinaus so Thema war. Heilloser Optimist Thomas Philipzen, verschrobener Merkel-Fan Harald Funke und korrekter Kulturliebhaber Jochen Rüther füllten die Stadthalle bis zum Rande, und dies sogar an gleich zwei Terminen hintereinander. Denn aufgrund der großen Nachfrage wurde – wie schon in den Vorjahren – eine zweite Vorstellung am Folgetag angehängt.

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Hochkultur: Das Kabarettisten-Trio von Storno stellt das Politikgeschehen des vergangenen Jahres künstlerisch dar.

© Foto: Otto

Philipzen eröffnete, so ist es Brauch, mit freundlichem Blick auf schöne Dinge. „So viele Geimpfte wie nie, so wenige Analphabeten wie nie hatten wir 2018“, zählte er auf. Diese sonnige Bilanz wurde natürlich von Funke gedämpft, der zunächst nicht erscheinen mochte. Das Merkel-Dilemma sitzt ihm in den Knochen.
„Angies Restlaufzeit“, so ließ Rüther bärbeißig verlauten, „ist so kurz wie Herr Funke selbst.“
Wie kam es dazu? Was brachte Mutti zu Fall? Er ist sich sicher: „Es war ein Putsch der Opposition.“ - „Wir hatten eine Opposition?“, hakt Philipzen nach. „Seehofer.“ - „Der ist auch nur in Maßen zu ertragen.“

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Immer wieder besonders beliebt: Wenn sich die drei Kabarettisten anschicken, den Rückblick musikalisch zu gestalten.

© Foto: Otto


Derweil vermutete Funke sehr vehement, Seehofer seie eigentlich gar kein echter Mensch, sondern erschaffen – wie Frankensteins Monster. Um Mutti zu töten.
Die Politik bekam so einige Nackenschläge. Wohlverdient, wenn man am Applaus des Publikums abwägen möchte. Doch natürlich sollte nicht bloß runtergetreten werden, sondern auch positiv nach oben gehoben. Philipzen regte seinen Schnellkurs zum Weltretten an und zählte die fundamentalsten Punkte auf. Den Weg zum Fleisch verlängern, zum Beispiel. Dann: „Nudging!“ Das Belohnen, wie damals in den 80ern, als man Fliegen in die Pissoirs malte und damit den Reinigungskräften im Herren-WC etwas Arbeit ersparte. „Bei Fliegen wird der Mann zielstrebig“, schloss Philipzen daraus. Folgerichtig war der dritte Schritt: Fliegen auf alle SUVs malen.
Die AfD wurde genannt, als es um Emotionen ging: Langsam, so fand Rüther, müsse man mal wieder runterkommen. „Die AfD kriegt es hin, dass das Schlachtvieh hergeht und für die Steuererleichterung der Metzger stimmt.“
Rüther erklärte sich dies mit dem Herdentrieb: In einer Herde fühlt man sich eben wohl, man sieht es bei den Kühen. Allerdings schaut jede Kuh auch mal hoch, und was sieht sie dann? „Alles Ärsche.“
Um mediengesteuerte Angst ging es, besonders Angst vorm Wolf.
„Angst, Angst, Angst. Wenn Sie Angst vorm Wolf haben, müssen Sie auch Angst vor Belüftungsanlagen haben“, so Rüther. „Wer baut die?“, wollte Philipzen wissen, „VW?“ Und Funke gab zu bedenken, dass die Kühlanlage einen blöden Schurken für die Märchen abgäbe.
Von dort aus ging es kurz in die Steinzeit: Wer hätte damals wohl überlebt, in der Epoche der Säbelzahnmakaken? Ergebnis: Derjenige, der seine langsameren Kameraden den Räubern zum Fraß vorwirft. „Der Skrupellose“, erklärte Rüther grimmig, „setzt sich durch." Moralisch steht man damit natürlich da wie ein Mann, der seinen Anwalt ins Gefängnis schickt und selbst amerikanischer Präsident bleibt.
Rund ging es: Der Abschied vom Otto-Katalog samt pubertärer Erinnerungen („Wir hatten doch nichts“, so Funke) wurde ebenso behandelt wie die „„Didschitäl Wörlt“ und WhatsApp. Um Ökonomie und Lieferdienste ging es, und gesungen wurde dazu auch.
„Wieder macht es Klingeling“, singt Funke, „Ein neues Päckchen von Zalando“, und zwar zur Melodie von ABBAs Fernando.
Auch Fußball durfte nicht außen vor bleiben. Und wirklich, am Ergebnis der Weltmeisterschaft war doch nichts Überraschendes? Trainer Löw hatte selbst gesagt: „Wir werden als Erster heimkehren.“
Was den Auftritt der drei Kabarettisten besonders hervorstechen lässt, sind nicht nur die zahlreichen Gags und Sprüche auf Kosten des Weltgeschehens, sondern ist zweifelsohne die Chemie des Trios untereinander: Großartig spielt man sich da die Bälle zu, veralbert den jeweils andern oder auch mal sich selbst.
Zum Abschluss des Programms musste es dann – so gehört sich das – noch einmal Hochkultur ran. Um den Bandenkrieg zwischen CDU und CSU authentisch nachzuempfinden, wurde die Westside Story aufgeführt. Angie, verkörpert durch Funke, hatte dabei die Ehre, Philipzen als Nahles und Rüther als Seehofer mit den Frankensteinhänden im Zuge des bayrischen Raumfahrtprogramms auf den Mond zu schießen.
Und beim nächsten Mal, da ist Merkelvergötterer Funke sich sicher, tritt die Angie wieder als Kanzlerkandidatin an – und zwar bei der SPD!
Das Publikum war restlos begeistert von der Performance der drei Kabarettisten. Und der eine oder andere Zuschauer wird sich inzwischen sicherlich schon die Eintrittskarten fürs nächste Jahr gesichert haben, wenn das Storno-Trio wieder zurückkehrt, mit einer saftigen Abrechnung.

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